Geld kommt nicht oder Geld bleibt nicht:Zwei Geldprobleme, die man verwechselt
Zu wenig Geld kann zwei Ursachen haben: Es kommt nicht, oder es bleibt nicht. Wer beides verwechselt, strengt sich an der falschen Stelle an und landet immer wieder am selben Punkt.
Kurz vor Mitternacht, die Banking-App ist offen, und du rechnest. Nicht zum ersten Mal in diesem Monat. Es gibt eine Tabelle für die Liquidität und einen Steuertopf, aus dem du dir regelmäßig etwas leihst, mit dem festen Vorsatz, es zurückzulegen. Auf die Frage, wie es läuft, antwortest du: gut eigentlich. Und dann, etwas leiser: Nur beim Geld hakt es.
Die Ratschläge, die du darauf bekommst, kennst du inzwischen auswendig. Mach mehr Marketing. Spar an den Fixkosten. Erhöh deine Preise. Leg dir endlich ein Budget an. Jeder davon klingt vernünftig, und einige hast du vermutlich schon ausprobiert. Merkwürdig ist nur, dass sie bei dir nicht richtig greifen. Oder sie greifen ein paar Monate lang, und dann stehst du wieder an derselben Stelle.
Aus meiner Erfahrung liegt das selten daran, dass die Ratschläge falsch sind. Es liegt daran, dass hinter dem Satz „Ich habe ein Geldproblem“ zwei sehr verschiedene Probleme stecken können. Wer das eine hat und am anderen arbeitet, kann sich viel Mühe geben und kommt trotzdem nicht vom Fleck.
Zwei Fragen, die wie eine klingen
Stell dir einen Garten vor, der im Sommer vertrocknet. Von außen sieht das immer gleich aus, braune Halme, rissige Erde. Dahinter können aber zwei ganz verschiedene Ursachen stecken. Entweder es regnet nicht. Oder es regnet, und der Boden ist so sandig, dass das Wasser sofort versickert. Im ersten Fall hilft es, Wasser heranzuholen. Im zweiten Fall kannst du gießen, so viel du willst, der Boden bleibt trocken.
Mit Geld ist es ähnlich. Die erste Frage lautet, ob es überhaupt kommt. Ob du Menschen erreichst, die deine Arbeit brauchen, und ihnen einen Preis nennst. Ob du Rechnungen schreibst und das Geld auch einforderst. Die zweite Frage lautet, ob es bleibt, wenn es einmal da ist. Ob du es halten kannst, oder ob es weiterfließt, zu anderen Menschen oder in die nächste Investition, die versprochen hat, dass es danach endlich reicht.
Beides fühlt sich am Monatsende gleich an, nämlich nach zu wenig. Aber es sind zwei verschiedene Fähigkeiten, und sie sitzen an verschiedenen Stellen in dir. Die eine braucht die Kraft, dich zu zeigen und etwas zu verlangen. Die andere braucht die Fähigkeit, etwas zu behalten und es als genug zu empfinden. Sehr häufig liegt der Kern eines Geldproblems bei dieser zweiten Frage, denn Geld ist eine Form von Versorgung. Die erste kommt seltener vor, aber gerade an ihr arbeitet man leicht vorbei.
Wenn das Geld gar nicht erst ankommt
Wer hier festhängt, hat oft ein erstaunlich ordentliches Verhältnis zu dem Geld, das schon da ist. Das Konto ist sauber geführt, und die Ausgaben sind überschaubar, manchmal sogar auffallend sparsam bemessen. Der Engpass liegt davor. Er liegt in dem Telefonat, das du seit Tagen verschiebst, und in der Rechnung, die du erst drei Wochen nach Projektende schreibst, weil sich das Schreiben anfühlt, als würdest du jemanden belästigen.
Geld kommt nur dorthin, wo jemand sichtbar wird und etwas verlangt. Genau das ist für viele Selbstständige der schwerste Teil ihrer Arbeit. Nicht das Fachliche, das ist oft hervorragend. Schwer ist der Augenblick, in dem du sagst: Das kann ich, und das kostet es.
Häufig führt die Spur hier in die Zeit zwischen etwa vier und sieben Jahren, in der ein Kind vorführen möchte, was es schon kann, und im Gesicht der Erwachsenen nach der Antwort sucht. Kam auf das Vorgeführte damals oft ein Aber oder gar nichts, wird später jedes Angebot zu einer kleinen Prüfung. Wie sich das im Erstgespräch und beim Preis äußert, steht in Unter Wert verkaufen und in Preise erhöhen ohne Kunden zu verlieren.
Wer an dieser Stelle vor allem sparsamer wird, tut etwas sehr Verständliches und trotzdem das Falsche. Sparen fühlt sich nach Verantwortung an. Es kann aber auch ein gutes Versteck sein. Solange du an den Kosten arbeitest, musst du dich nicht zeigen.
Wenn das Geld kommt und wieder geht
Bei anderen ist es genau umgekehrt. Verkaufen fällt ihnen leicht, manchmal fast zu leicht. Sie haben ein Gespür für Menschen, und der Umsatz wächst Jahr für Jahr. Und trotzdem bleibt am Ende eines guten Jahres kaum etwas übrig.
Wohin es fließt, ist von außen schwer zu sagen und von innen oft auch. Ein Teil geht in Anschaffungen, die sich vernünftig angefühlt haben, die bessere Software oder das Programm, nach dem es endlich leichter werden sollte. Ein Teil geht an andere, an das Abendessen, das du für alle bezahlst, und an den Kunden, dem du die Nachforderung erlassen hast, obwohl sie berechtigt war. Ein Teil verschwindet in privaten Entnahmen, die nie geplant waren. Und jedes Frühjahr überrascht dich die Steuernachzahlung, als hättest du nicht gewusst, dass sie kommt.
Großzügigkeit kann hier etwas Paradoxes tun. Wer gibt, obwohl es eng ist, fühlt sich für einen Moment reich. Danach ist es enger als vorher, und das alte Gefühl, dass es nie reicht, hat wieder recht behalten. So bestätigt man sich ausgerechnet den Mangel, gegen den man sich gerade wehren wollte.
Sehr häufig führt die Spur hier in eine frühere Zeit, in die Phase zwischen etwa acht Monaten und zweieinhalb Jahren, in der die Grundfrage lautet: Ist genug für mich da? Ein Kind, bei dem Zuwendung kam und wieder verschwand, ohne dass es verstand warum, lernt etwas über das Bleiben. Gutes ist da, aber es hält nicht. Als Erwachsener erträgt man dann manchmal schwer, dass etwas einfach liegen bleibt. Lieber gibt man es selbst weg, bevor es einem genommen wird. Das fühlt sich wenigstens nach eigener Entscheidung an. Wie dieses Muster im Privaten aussieht, beim Konsum am Abend und beim schlechten Gewissen danach, zeigt Geld zerrinnt zwischen den Fingern. Und wie es sich anfühlt, wenn das Geld bleibt und trotzdem nie genug ist, beschreibe ich in Geldsorgen trotz gutem Gehalt.
Warum du am falschen Ende arbeitest
Wenn beide Probleme so verschieden sind, warum verwechselt man sie dann so leicht? Ein Grund ist banal. Das Ergebnis sieht gleich aus, und der Kontostand verrät nicht, auf welchem Weg er zustande gekommen ist.
Der zweite Grund ist unbequemer. Die meisten Menschen arbeiten bevorzugt dort, wo es nicht wehtut. Wer gut verkaufen kann, kommt bei Geldsorgen fast automatisch auf die Idee, noch mehr zu verkaufen. Wer gut sparen kann, spart noch strenger. Beides fühlt sich nach Anstrengung an, und Anstrengung fühlt sich nach Lösung an. Nur bleibt die eigentliche Stelle so unberührt. Wer ein Leck hat und mehr Umsatz macht, schickt nur mehr Wasser durch dasselbe Loch. Und wer nichts verkauft und spart, hält einen Eimer fest, in den nichts mehr hineinkommt.
Und die beiden Probleme können sich gegenseitig verdecken. Solange das Geld nicht kommt, merkst du nicht, dass es auch nicht bleiben würde. Manche arbeiten jahrelang an ihrer Sichtbarkeit, verdienen endlich gut und stellen dann fest, dass das Gefühl von Knappheit einfach mitgewachsen ist. Andere leben in einer Mischform. Es kommt schwer, und wenn es kommt, geht es schnell wieder.
In der Unternehmerkasse wird das besonders deutlich, weil es dort zwei Zahlen gibt, die im Alltag gern verschwimmen. Die eine ist der Umsatz. Die andere ist das, was nach allen Kosten und Steuern tatsächlich übrig bleibt. Ein hoher Umsatz ist sichtbarer Wohlstand. Ich sehe das so, dass Wohlstand noch keine Freiheit ist. Frei macht dich Geld erst, wenn etwas davon bleibt und wenn du das, was bleibt, auch als genug empfinden kannst.
Was dein Körper merkt, bevor das Konto es zeigt
Die Unterscheidung lässt sich nicht am Kontostand ablesen. Sie zeigt sich im Erleben, und zwar ziemlich zuverlässig an zwei Momenten, auf die du in den nächsten Wochen achten kannst.
Der erste Moment liegt vor dem Geld. Du schickst ein Angebot ab oder nennst am Telefon deinen Tagessatz. Was passiert da in dir? Wird dir warm im Gesicht, oder willst du den Satz sofort mit einer Erklärung abfedern? Oft fühlt sich das an wie Scham, wie ein inneres Kleinerwerden vor einem Urteil, das noch niemand gesprochen hat.
Der zweite Moment liegt nach dem Geld. Eine größere Zahlung geht ein. Wie lange bleibt sie in dir, bevor die nächste Sorge kommt? Manche spüren eine kurze Weite und dann sofort Unruhe, als müsste mit dem Geld jetzt dringend etwas geschehen. Andere spüren gar nichts, der Moment wird einfach übersprungen. Die gefühlte Qualität ist hier eine andere als vor dem Geld. Weniger Scham, mehr Hunger nach etwas, das kein Betrag stillt.
An welchem der beiden Momente es bei dir enger wird, ist ein besserer Hinweis als jede Kontoübersicht. Und wenn es an beiden eng wird, ist auch das eine Information, nur eine, die in zwei Richtungen zeigt.
Dass solche inneren Haltungen mit äußeren Zahlen zusammenhängen, ist übrigens nicht nur eine Beobachtung aus der Praxis. Eine Forschungsgruppe um den US-Psychologen Brad Klontz befragte 2011 gut vierhundert Menschen zu ihren Überzeugungen über Geld und fand vier wiederkehrende Muster. Drei davon hingen statistisch mit Einkommen und Vermögen zusammen, darunter die Haltung, Geld eher zu meiden, und die Hoffnung, mehr Geld würde alle Probleme lösen. Die Autoren gehen davon aus, dass solche Überzeugungen meist in der Kindheit entstehen und weitgehend unbewusst wirken.
Vater, Mutter und eine zu einfache Regel
Wer sich mit Prägung beschäftigt, stößt irgendwann auf eine griffige Faustregel. Das Verdienen gehöre zum Vater, weil es ums Zeigen und Leisten geht, das Halten zur Mutter, weil es um Versorgung geht. Sehr häufig stimmt diese Richtung. Eine feste Regel ist es trotzdem nicht, denn Prägung verläuft bei jedem Menschen anders.
Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens kann dasselbe Verhalten aus ganz verschiedenen Zeiten stammen. Wer seine Rechnungen nicht stellt, scheut vielleicht das Urteil über seine Leistung. Vielleicht scheut er aber auch die Forderung selbst, also den Moment, in dem er etwas will und damit den Konflikt riskiert. Das wäre eher eine Spur in die Zeit, in der es darum ging, ob ein eigener Wille die Verbindung aushält. Auch wer Geld weggibt, kann sehr Verschiedenes damit tun, sich Zuneigung sichern oder einem Mangel zuvorkommen.
Zweitens hat auch das Verdienen eine Versorgungsseite. Verkaufen heißt, sich von einem anderen Menschen etwas geben zu lassen. Wer nie gut annehmen konnte, tut sich mit dem Verkaufen schwer, selbst wenn er sich gern zeigt. Er nimmt das Geld innerlich nicht an, und dann bleibt es auch nicht.
Einen zusätzlichen Hinweis gibt dir deshalb die Frage, wann es bei dir kippt und wie es sich in diesem Moment anfühlt. Die vier frühen Phasen und warum ich sie als Richtungen lese und nicht als Schubladen, erkläre ich im Grundlagenbeitrag Prägung in der Kindheit.
Am richtigen Ende anfangen
Bevor du in die Tiefe gehst, lohnt sich ein nüchterner Blick. Leg die letzten drei Jahre nebeneinander, zwei Linien auf einem Blatt Papier. Die erste zeigt den Umsatz. Die zweite zeigt, was am Jahresende tatsächlich geblieben ist, als Rücklage oder als bewusste Entnahme, die dir gutgetan hat. Wächst die erste Linie und die zweite nicht, hast du eher ein Bleibe-Problem. Bleiben beide flach und ist dein Kalender für die nächsten Monate leer, hast du eher ein Kommen-Problem. Wenn du beides siehst, fang dort an, wo dein Körper beim Hinschauen stärker reagiert.
Wenn das Geld nicht kommt, ist der nächste Schritt selten eine weitere Sparrunde. Er ist meist kleiner und unangenehmer. Schick das Angebot ab, das fertig auf deinem Rechner liegt, mit der Zahl, die du zuerst kalkuliert hast, und nicht mit der, auf die du sie danach heruntergedacht hast. Und dann achte auf die Minuten danach. Was willst du am liebsten tun, um dieses Gefühl loszuwerden? In diesem Impuls steckt oft genau das, was dich bisher beim Preis hat nachgeben lassen.
Wenn das Geld nicht bleibt, hilft eine Frage vor jeder größeren Ausgabe, privat wie geschäftlich. Will ich das, oder will ich, dass ein Gefühl aufhört? Und es hilft eine einfache Struktur, die das Bleiben schützt, bevor das Gefühl mitreden kann. Leg fest, welcher Anteil jeder Zahlung bleiben darf, bevor du weißt, wofür du den Rest brauchst, und parke ihn auf einem eigenen Konto. Das ist keine Lösung des Musters. Es gibt dir aber einen Boden, auf dem du es dir anschauen kannst.
Und wenn die Zahlen wirklich nicht stimmen, wenn Schulden drücken oder die Liquidität für die nächsten Monate fehlt, dann brauchst du zuerst eine gute Steuer- oder Finanzberatung und einen Plan, und erst danach den Blick nach innen.
Warum sich das nicht am Schreibtisch löst
Geld ist auf eine merkwürdige Weise immer Beziehung. Du gibst etwas, und jemand gibt dir etwas zurück. Ob du verlangen kannst und ob du behalten kannst, hast du nicht aus Büchern gelernt, sondern mit Menschen, sehr früh und sehr gründlich. Deshalb lässt es sich auch nicht einfach umrechnen. Du kannst dir hundertmal vorrechnen, dass dein Preis fair ist oder dass dein Polster reicht. Das alte Gefühl hört nicht auf Zahlen.
Was sich verändert, verändert sich durch Erfahrung. Durch die Erfahrung, dass eine Forderung die Verbindung nicht zerstört. Und durch die Erfahrung, dass etwas Gutes bleiben darf, ohne dass du es sofort weitergeben oder dir verdienen musst. Solche Erfahrungen entstehen selten am Schreibtisch, sondern mit einem Menschen, der weder erschrickt, wenn du etwas willst, noch darauf angewiesen ist, dass du gibst. Wenn unter beidem eine viel ältere Angst liegt, die Angst, nicht durchzukommen, lohnt der Blick in Existenzangst.
Weitere Beiträge zum Umgang mit Geld findest du unter Geld & Business.
Quellen und Bezüge1 Quelle
Klontz, B. / Britt, S. L. / Mentzer, J. / Klontz, T. — Money Beliefs and Financial Behaviors: Development of the Klontz Money Script Inventory
Journal of Financial Therapy 2 (1), 2011.
Ursachen-Analyse-Gespräch
Wenn du dich hier wiedererkennst.
Im Ursachen-Analyse-Gespräch schauen wir gemeinsam darauf, woher dein Muster kommt und was es heute noch steuert.
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